Warum die Zeit schneller vergeht, je älter man wird

Eine Stunde im Wartezimmer zieht sich wie eine Ewigkeit, der dreiwöchige Urlaub verfliegt im Nu. Und je älter man wird, desto schneller rast die Zeit an einem vorbei. Warum? Psychologen haben verblüffende Erklärungen dafür.

Erschienen in: Spiegel Online, 20. November 2013

 

Ältere Leute können manchmal richtig gemein sein: Zipperlein, die man jetzt schon hat, seien ja rein gar nichts – verglichen mit dem, was einen in den nächsten Jahrzehnten noch erwarte. Und schöner werde man ja auch nicht, ergänzen sie für den Fall, dass einem das noch nicht selbst aufgefallen ist. Fies ist auch der Hinweis darauf, dass die zweite Hälfte des Lebens um einiges schneller vergehen werde als die erste. Schließlich verfliege die Zeit immer rascher.

Eine Beobachtung, die so ziemlich jeder aus eigener Erfahrung bestätigen kann: Während sich früher ein Jahr noch wie ein ganzes langes Jahr anfühlte, fragt man sich jetzt: „Was, schon wieder Weihnachten?“ Auch in der Forschung ist das Phänomen bekannt: In einer Studie befragten Psychologen Probanden zwischen 14 und 94 Jahren, wie schnell ihrer Wahrnehmung nach die vergangenen zehn Jahre verstrichen waren. Tatsächlich hatten die Älteren das Gefühl, die Zeit sei schneller vergangen.

Nur, woran liegt das? Einige Wissenschaftler verweisen auf ein naheliegendes Rechenspiel: Jeder setze eine bestimmte Zeitspanne automatisch in Relation zum bisher gelebten Leben. Für eine Dreijährige entspricht ein Jahr einem Drittel des bisherigen Lebens, für einen Achtzigjährigen nur einem Achtzigstel. Kein Wunder, dass einem das Dreißigstel, Fünfzigstel oder Achtzigstel recht kurz vorkommt.

Doch obwohl dieser Ansatz plausibel klingt, sind nicht alle Forscher einverstanden. „Auf mich wirkt diese Vorstellung sehr mathematisch“, sagt Marc Wittmann vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg. „Ich denke nicht, dass die Zeitwahrnehmung im Gehirn so funktioniert.“ Schließlich passiere es häufig, dass 65-Jährige das Gefühl haben, die Uhren tickten plötzlich wieder langsamer – dann nämlich, wenn sie in den Ruhestand gehen und die Welt neu entdecken.

Jeder kennt das paradoxe Phänomen, dass die Zeit gerade dann, wenn man sich langweilt und wenig erlebt, im Nachhinein besonders schnell vergangen ist: Im Wartezimmer beim Arzt dauert es gefühlt den halben Tag, bis man endlich dran ist. Am Abend wundert man sich vielleicht trotzdem, warum der Tag jetzt schon wieder rum ist.

„Untersuchungen in Altenheimen haben diesen Effekt bestätigt: Im Moment selbst verstrich die Zeit für die Probanden langsam, bis es Mittagessen gab oder der Pfleger kam. Fragte man später aber dieselben Heimbewohner, wie schnell der Tag für sie vergangen sei, antworteten sie: sehr schnell“, erzählt Wittmann. „Ich denke, das Gedächtnis ist entscheidend für die Zeitwahrnehmung – an je mehr Ereignisse wir uns erinnern, desto länger kommt uns eine Zeitspanne vor.“

In seinem Buch „Gefühlte Zeit“ schreibt Wittmann, dieser Effekt sei auch dafür verantwortlich, dass im Urlaub immer die ersten Tage langsam vergehen, die letzten dafür ganz schnell: Am Anfang muss man die Anreise bewältigen, dann erkundet man die Umgebung und erlebt dabei viel. Alles ist neu. Doch nach ein paar Tagen schleichen sich Gewohnheiten ein, man kauft morgens immer beim selben Bäcker die Croissants, auch den Weg zum Strand kennt man inzwischen. Und plötzlich ist der Urlaub viel zu früh vorbei.

„Was im Lauf eines Urlaubs passiert, lässt sich auf das Leben übertragen“, sagt Wittmann. Die vielen ersten Male, die man in der Jugend erlebt, bleiben stark in Erinnerung: der erste Kuss, das erste Bier, die erste WG, das erste eigene Gehalt. „Wenn man dann 15 Jahre lang verheiratet ist, jeden Morgen ins Büro fährt und jeden Sommer an denselben Urlaubsort, verfliegt die Zeit im Nu“, sagt Wittmann. Daran sind wir auch selbst schuld: Mit zunehmendem Alter sind Menschen immer weniger offen für Neues, wie aus der Entwicklungspsychologie bekannt ist. Doch je mehr Neues und Emotionales man erlebt, desto mehr prägt sich im Gedächtnis ein – und desto stärker entschleunigt sich das Leben rückblickend.

Das bedeutet auch: Jeder kann die gefühlte Zeit abbremsen. Der Schlüssel dazu ist, sich wieder für Neues zu öffnen und noch einmal erste Male zu erleben. Und wenn es nur die erste Klavierstunde oder die erste Reise ganz ohne Begleitung ist.

 


Link:
Text auf Spiegel Online
Text: Susanne Schäfer
Foto: designritter / photocase.com